„Wilde Orchideen“
von Gerry Wanda, 30.05.2010
Ein meteorologisch angenehmes Pfingstwochenende liegt gerade hinter uns. Hat es gestern am Pfingstmontag
noch etwas geschauert, soll es am heutigen Dienstag wieder trocken und um die 18° warm sein. Sonnig ist es, als sich 17 Wanderfreunde/innen, unter Führung von Christoph Schmutzler, um 9 an der S-Bahn Bergisch Gladbach treffen. Eine Teilnehmerin wird unterwegs noch zusteigen. Unser Ziel ist Remagen. Dort sollen, auf den am Rotweinwanderweg gelegenen Lohrsdorfer Wiesen, wilde Orchideen wachsen und blühen. Also schau`n wir mal. Mit der S-11 geht es zunächst nach Köln-Hauptbahnhof.
Die Fahrplanauskunft sagt: „9 Uhr 56, Gleis 9 C“. Gut 20 Minuten bleiben uns bis zur
Abfahrt unseres Anschlusszuges und so kann man das rege Treiben der Menschen, das stete Ein- und Ausfahren der Züge und das in der Luft liegende Fernweh eines Großbahnhofes in sich aufnehmen. Unser Zug ist gut besetzt und über Köln-Süd, Hürth, Brühl und Roisdorf erreichen wir Bonn-Hauptbahnhof. Die Waggons leeren sich schlagartig. Das Ziel vieler Mitreisenden ist hier erreicht. Nach weiteren 3 Stationen fahren wir unterhalb der Apollinariskirche in den Bahnhof Remagen ein. Christoph prüft die Vollzähligkeit der Gruppe, dann verlassen wir das Bahnhofsareal.
Unser Weg führt uns auf der Geschwister-Scholl-Straße noch ein Stück parallel zu den Bahngleisen bis zu einer Unterführung. Dieser schließt sich eine Fußgängerbrücke an, auf der wir die B 9 überqueren. Etwas abseits des Straßenlärms begrüßt Christoph die Teilnehmer intensiver und erklärt den weiteren Verlauf unserer heutigen Wanderung.
„Der Weg beginnt mit einem für mich recht strapaziösen Anstieg“ beginnt Christoph seine Wegbeschreibung. „Von jetzt an geht es erst einmal nur bergauf. Es sind ein paar Spitzkehren d´rin. Ganz oben ist dann eine Grillhütte mit Bänken und man hat einen sehr schönen Ausblick. Da wartet ihr dann bitte. Dann gehen wir weiter, am Golfplatz vorbei, ein Stück den Rotweinwanderweg entlang. Bei meiner Vorwanderung vorige Woche blühten dort Orchideen. In Bad Bodendorf nehmen wir dann den Zug zurück nach Remagen und machen dann unten am Rhein eine Einkehr. Also Frisch Auf!“
Christoph hat recht. Fand die Begrüßung noch auf leicht ansteigendem Terrain statt, geht schon nach wenigen Metern die Post ab. Es ist Gott sei Dank noch nicht zu warm und die Bäume spenden reichlich Schatten. Die ersten Spitzkehren sind geschafft, da sind bereits Verschnaufer aber kein Ende des Anstiegs in Sicht. Also tapfer weiter ein Schritt vor den anderen; irgendwann wird diese Hütte schon auftauchen. Mit dem Schätzen tut man sich bei solchen Strecken immer schwer, kommen sie einem doch viel, viel länger vor, als sie in Wirklichkeit sind. Gut 300 Meter werden es noch gewesen sein, da taucht ein kleines weiß-blaues Kunststoffhäuschen mit der Aufschrift „Toi,toi,toi“ auf. In mir entflammt Hoffnung. Ich merke, wie sich meine Gesichtszüge entspannen. Mein Schritt wird gelöster, ich komme näher und richtig; in Diskretionsabstand rechts daneben, die prophezeite Grillhütte. Da vorne auf der Wiese die Bänke und dann dieser herrliche Ausblick. Vor uns ein kleiner Ausschnitt von Remagen, dann der Vater Rhein in seinem Bett und auf der anderen Bettkante Erpel. Ein wirklich schönes Fleckchen Erde, das wir so eine halbe Stunde auf uns einwirken lassen. Puls, Atmung und Körpertemperatur haben wieder ihre Normalwerte erreicht, bevor wir weitergehen. Wir erfreuen uns an Duft und Farbe der am Wegesrand liegenden Rapsfelder, atmen diesen noch einmal tief ein und folgen dem Waldlehrpfad.
Hier oben, weit außerhalb der Stadt passieren wir den alten Judenfriedhof. Diese Lage, weit vor den Toren der Stadt, entsprach einer Jahrtausende alter jüdischen Sitte; war es doch allenfalls Propheten und gekrönten Häuptern vorbehalten in den Städten beigesetzt zu werden.
Im weiteren Verlauf durchqueren wir einen schier endlosen Wald. Ein herrliches Schiepen, Piepen und Gezwitscher begleitet uns. Es scheint, als wollen uns die Vögel von jedem Baum, aus jedem Strauch begrüßen und einen guten Weg wünschen. Der Weg, mitunter auch Pfad, lässt sich übrigens jetzt hervorragend gehen. Keine landschaftlichen Eskapaden, weder auf- noch abwärts.
Dann kommen wieder Lichtungen, die uns einen weiten Blick über Feld und Flur freigeben. Vorbei am hochgelegenen Golfclub Bad Neuenahr-Ahrweiler treffen wir an einer Weggabelung auf den Rotweinwanderweg. Dem folgen wir nach links. Noch rund 100 Meter, dann tut sich rechts das Ahrtal auf. Unten vor uns liegt Lohrsdorf, weiter hinten Heimersdorf. Einen Blick weiter nach links Ehlingen und noch weiter links im Hintergrund Bad Bodendorf.
In einer recht großen Hütte, die eigentlich eher den Haltepunkt eines Verkehrsmittels vermuten lässt, machen wir eine Rast. Eigentlich entsteht eine recht statische Szene und eher der Eindruck als wird etwas erwartet. Eingang und Fenster sind unverglast, da macht es überhaupt nichts, dass Christoph diese Gelegenheit zu einer Zigarettenpause nutzt.
Wir sind auf dem Weg, der durch die Lohrsdorfer Orchideenwiesen
führt. Und tatsächlich, sie blühen. Die Hinweistafeln verweisen zwar auf mindestens sieben Sorten, aber wie immer im Leben hat alles seine Zeit. Wir haben die Zeit der blauen Sorte erwischt. Wenige Weiße waren auch zu sehen und wieder andere entwickeln gerade einen Knospenstand.
Unser Weg führt gemächlich bergab. Wald und Feld wechseln einander ab und gestalten ihn so recht kurzweilig. Ab und an gehen wir an liebevoll gepflegten Schrebergärten vorbei, in denen der ein oder andere Hobbygärtner gerade frühlingsbeflissen werkelt. Langsam verliert der Weg seinen unbefestigten Charakter. Fast nahtlos geht er in eine befestigte Straße über. Wir haben den Ortsrand von Bad Bodendorf erreicht. Die hiesigen Anwesen lassen auf eine finanzielle Frische der Anwohner schließen. Es gibt interessante Architekturen zu bestaunen, wie z.B. ein riesiger Wintergarten mit innen liegender Empore und aufgebauter Dachterrasse. Das regionale Kfz-Kennzeichen AW bedeutet also nicht Arme Winzer.
Über Straßen, die mit ihren Namen beste Weinlagen versprechen, wie Am Sonnenberg oder Weinbergstraße gelangen wir zum Bahnhof Bad Bodendorf. Ein solides, romantisches Gebäude aus dem 19. Jh. Hier würden Züge mit Dampfloks die Eisenbahnidylle abrundend prägen. Dieser Bahnhof, mit seinem einen Bahnsteig, weckt in mir Erinnerungen an den Film „Ich denke
oft an Piroschka“, mit Liselotte Pulver und Gunnar Möller in den Hauptrollen. Gustav Knuth spielte darin den Stationsvorsteher István Rácz des ungarischen Ortes mit dem unaussprechlich langen Namen Hódmezővásárhelykutasipuszta.
Es ist 10 vor 3 und der Zug, der uns nach Remagen bringt fährt erst um 20 Minuten nach. Was tun? Die Bahnhofsgaststätte hat heute Ruhetag. Wenigstens ist der Biergarten nicht abgeschlossen und so machen wir es uns unter den Sonnenschirmen für die paar Minuten gemütlich, bis der Zug eintrifft.
Zurück nach Remagen ist es nur eine Station. Vom Bahnhof gehen wir durch die Fußgängerzone und biegen dann rechts ab Richtung Rheinpromenade. Mehrere Restaurants mit Außengastronomie befinden sich hier dicht an dicht. Wir entscheiden uns für „da Franco“ und nehmen auf der Terrasse Platz. Der Rhein fließt unmittelbar an uns vorbei. Die Erpeler-Ley und der rechtsrheinische Brückenkopf der Brücke von Remagen befinden sich in Sichtweite.
Eine umfangreiche Speisekarte italienischer Gerichte erwartet uns. Fleisch, Fisch, Nudeln, Teigwaren, Pizzen, Salate. Alles wird zu einem vernünftigen Preisen angeboten und macht so die Wahl nicht gerade einfach. Die aufmerksame, freundliche und flinke italienische Bedienung ist um das Wohl der Gäste bemüht. Alle Portionen sind appetitlich angerichtet, schmackhaft und gut bemessen. Leute die gerne mal zum Italiener gehen, sind bei „da Franco“ am Caracciola Platz in Remagen gut aufgehoben.
Gut gestärkt und erholt machen wir uns auf den Weg zum Bahnhof, um unsere Rückreise anzutreten. Unterwegs ergreift Barbara das Wort. Im Namen der ganzen Gruppe dankt sie Christoph für diesen herrlichen Wandertag, was alle mit einem 3-fachen Frisch Auf! gerne unterstreichen, bevor wir Remagen im Schatten der Apollinariskirche um 17:42 Uhr verlassen.
Lieber Christoph, auch von dieser Stelle einen herzlichen Dank und ein freundliches
Frisch Auf !
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Die Bilder wurden von unserem Wanderfreund
Norbert Grätz
zur Verfügung gestellt
Quellennachweis: 1. Postkarte (Remagen um 1902) Wikipedia / ohne Quelle
2. Foto (Gustav Knuth) beatlesshop.de
Der Sonne entgegen, von Ost nach West mehr






