SGV Bergisch Gladbach
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Gerry Wanda
„Von hieran geht’s bergab“

von Gerry Wanda, 15.05.2010

 Muttertag ist heute am 9. Mai. Parallel hat auch die nordrheinwestfälische Landesregierung ihre Bürger zur Landtagswahl an die Urnen gerufen. Meine Mutter schaut sich die irdischen Geschehnisse leider schon lange Zeit aus viel höherer Perspektive an und für die staatsbürgerliche Pflicht habe ich die Möglichkeit der Briefwahl genutzt. So steht einer Wanderung von der Burg Vogelsang bergab über Wollseifen nach Schleiden-Gemünd nichts im Wege.

Treffpunkt auf dem Parkplatz an der Kirche in Gemünd. Wir wollen den Bus um 20 vor 10 nehmen, der uns hinauf zum Adlerhof nach Vogelsang bringen soll. Alle Teilnehmer, außer denen, die sich angemeldet haben und dann doch nicht erscheinen, treffen gegen ½ Zehn ein. Die Bushaltestelle ist nur ein Steinwürfchen entfernt. Unser Wanderführer Armand De Busscher hat in dieser Region, in und um Vogelsang, während seiner Dienstzeit bei den belgischen Streitkräften manche bewegte Stunde zugebracht. Birgt doch so ein Truppenübungsplatz immer diverse Möglichkeiten, der körperlichen Fitness ein neues Limit zu setzen. Unter ermunterndem Zuspruch mancher Vorgesetzten kommt meist viel Bewegungsdrang und ungetrübte Freude auf. Eine orts- und sachkundige Führung ist mithin garantiert.

Der Bus kommt pünktlich und nach wenigen Fahrminuten erreichen wir die Haltestelle Adlerhof. Hier ist der Innenbereich der Burg Vogelsang mit Forum, Turm, Burgschänke, Wandelhalle und Appellhof.

Ein beeindruckendes Bauwerk, das ab 1934, in nur 2-jähriger Bauzeit, von zum Burg VogelsangTeil 1.500 Arbeitern errichtet wurde. Alle Gebäude verfügen über imposante Ausmaße und eine wehrhafte Architektur. Entsprechend der damaligen Ideologie, ist alles etwas größer dimensioniert. Diese frühere NS-Ordensburg, die von 1936 - 1939 zur Ausbildung von Führungskräften der NSDAP diente, wurde bei Kriegsausbruch 1939 der Wehrmacht übergeben. Von 1945 - 2005 war Burganlage und große Teile der Dreiborner Hochfläche Truppenübungsplatz (Camp Vogelsang), der zunächst unter britischer und ab 1950 unter belgischer Militärverwaltung stand. Seit 2006 wird Burg Vogelsang zivil genutzt. Das Burgareal umfasst ca. 100 ha und bietet durch seine terrassenförmige Bauweise von nahezu überall herrliche Ausblicke ins Umland.

2 Rehe kreuzen den Weg. Vorbei am Kino, Van Dooren (sollte einmal Haus des Wissens werden), Hundertschaft- und Kameradschaftshäusern verlassen wir das Burggelände. Unser späterer Wanderweg wird uns noch einmal zum Malakoff (Einfahrtbereich) der Anlage führen.

Wir sind ungefähr eine halbe Stunde seit Burg Vogelsang unterwegs. Glücklicher Weise geht es bergab, hinauf nach Wollseifen, als eine Bank am Wegesrand nicht nur einen schönen Ausblick sondern auch einen Moment zum Luftholen verspricht.

Die große Stunde eines Gruppenmitglieds scheint gekommen. „Kennst Du dieses Zeichen?“ werde ich gefragt, indem es auf seinen Rucksack zeigt. „Das ist der Jakobsweg. Den bin ich komplett bis Compostela gegangen. Dann noch Den-Steig, Den-Steig und Den-Steig sogar 2 Mal. Damit Du gleich weißt, mit wem Du hier wanderst!“ Boah!! - denke ich. Soll ich jetzt aufzählen, was ich schon alles nicht gewandert bin und das meine erwanderten Steige meist mit Bürger beginnen? Vielleicht wendet es sich dann mitleidvoll von uns ab, bei mir mitwanderndem Stümper. Laß es! - denke ich, auch tolle Hechte schwimmen nur im Teich! Ich applaudiere innerlich und hake es ehrfurchtsvoll ab.

Der nächste Anlaufpunkt ist Wollseifen. Nach dem Krieg wurde die Dorfbevölkerung (115 Familien / 550 Menschen) durch die Briten gezwungen ihre Heimat binnen 3 Wochen zu verlassen, der Ort gänzlich in das Truppenübungsplatzkonzept integriert und die Gebäude zum Häuserkampftraining genutzt. Das belgische Militär erweiterte die Spielfläche noch um eine Vielzahl weiterer Gebäude. Im Schatten der dortigen St. Rochus-Kirche aus dem Jahre 1635 legen wir eine Rast ein.

In einer großen Runde erwandern wir einen Teil des Truppenübungsplatzes. Immer die Burg Vogelsang irgendwo im Blick. Es ist eine schöne Gegend. Viel Grün, keine verdunkelnden hohen Bäume, überwiegend Buschwerk. In einem Barackencamp zeigt uns Armand sein Schlafgemach während einer hier stattgefundenen Übung. Im weiteren Verlauf lassen die heroisch anmutenden Reliefs die Nähe zu Burg Vogelsang erahnen. Richtig, nach wenigen Minuten erreichen wir den Einfahrtbereich, den Malakoff. „Hier war der Friseur“, erklärt Armand und zeigt auf einen kleinen Eingang hinter den Raum der Torwache. „Das war die Erste Hilfe- und Lazarettstation, dort die Treppe hinunter ist die Kirche und Trauerhalle und da hinten war der Kindergarten“, sagt Armand.

Nun nehmen wir wirklich Abschied von Burg Vogelsang. Am Wegweiser schlagen wir den Weg Richtung Gemünd ein. Dieser verheißt uns noch 6,8 Km. Es geht bergab, wie versprochen. Erst gemächlich, dann recht rapide. Jetzt wird klar, warum Armand ein Seil mit hat. Wenn es hier nass ist, gibt’s kein Halten. Gott sei Dank ist es trocken. Wir durchschreiten die Talsohle und was haben wir vor uns? Ein spiegelverkehrtes Gefälle! Wieder werden Stimmen laut. „Och, nicht schooon wieder!“ „Armand Du hast doch gesagt, daß.........!“ Man merkt es. Armand kugelt sich innerlich vor Vergnügen. Seine Sprüche wie: „Da verbrennen wir heute aber wieder ganz schön Kalorien.“ oder „Ihr werdet sehen, wie gut ihr danach durchatmen könnt“. oder „Der kleine Hügel ist prima zum Abbremsen, weil man bei dem ganzen Bergab zu viel Fahrt aufnimmt“. oder „Das ist klasse für die Beinmuskeln“, usw. haben etwas spitzbübisch Motivierendes.

Nächste Spitzkehre, weiter bergab nach oben, noch eine und noch eine. Eigentlich geht’s doch gar nicht mehr höher, mache ich mir selber Mut. Ein Blick zurück. Hinter mir kämpfen auch noch Wanderfreunde mit der Unbill des seitenverkehrten Abstiegs. Eine toller Blick wird uns in Aussicht gestellt. Hoffentlich lohnt die Plackerei. Endlich ist er erreicht, der Aussichtspunkt Kickley. Leider ist es etwas diesig. Gut 500 Meter unter uns zieht die Urft dahin, geradeaus erkennt man Gemünd.

Wir haben bis dort noch gut 4 ½ Km vor uns. Diese gestalten sich recht abwechslungsreich. 2 aufwärts führende Bergab-Etappen und 1x ging´s wirklich eine längere Strecke ´runter. Felder leuchtend gelb blühenden Löwenzahns flankieren unseren Weg. Den Pferden schmeckt er. Wir zollen dem 2. Abstieg unseren Tribut. Gemünd rückt in greifbare Nähe. Noch 1,8 Km. Dann ist der Ortsrand mit seinen vielen schönen Fachwerkhäusern erreicht. Weiter Richtung Stadtkern, am Kurmittelhaus vorbei, noch einen Schlenker durch die Fußgängerzone, 2x rechts um die Ecke und dann sind wir bei den Autos. Ich bin kaputt und mir qualmen die Socken aber ich bin bei Bergabwanderungen noch nie so hoch hinauf gekommen.

Armand, es war eine gut geführte, interessante Wanderung durch ein landschaftlich reizvolles Gebiet. Es hat viel Spaß gemacht, wir hatten Glück mit dem Wetter. Wenn nur diese vielen Gefällstrecken nicht gewesen wären!!

Vielen Dank und ein herzliches

 Frisch Auf !

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Die Bilder wurden von unserem Wanderfreund
Norbert Grätz
zur Verfügung gestellt
 
 

Quellennachweis: Bundesarchiv (S/W-Foto: Ankunft zu einer Kreisleitertagung am 22.4.1937)

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